
Industrielle Abwärme gilt als eines der größten bislang ungenutzten Energiepotenziale in der europäischen Industrie. Die Energy Towers AG entwickelt ein System, das diese Wärme in elektrische Energie umwandeln und damit eine zusätzliche, CO2-freie Stromquelle erschließen soll. Der Ansatz fügt sich in die aktuelle Debatte um Energieeffizienz und Versorgungssicherheit in energieintensiven Branchen ein.
Die Idee fügt sich in eine breitere europäische Diskussion über Energieeffizienz, Versorgungssicherheit und Dekarbonisierung ein – insbesondere vor dem Hintergrund hoher Energiepreise und der Transformation energieintensiver Industrien.
Hintergrund: Industrie zwischen Energieverlust und Effizienzpotenzial
In nahezu allen energieintensiven Branchen entsteht täglich Abwärme. Sie fällt in Prozessen der Stahl- und Zementproduktion, in der Chemieindustrie, in Raffinerien, Kraftwerken oder auch in der Papier- und Glasherstellung an. Ein erheblicher Teil dieser Energie wird derzeit nicht weiter genutzt, sondern unkontrolliert an die Umgebung abgegeben.
Dabei ist das energetische Volumen beträchtlich. Studien der europäischen Industrie- und Energiepolitik zeigen seit Jahren, dass ein signifikanter Anteil der eingesetzten Primärenergie als Abwärme verloren geht. Dennoch bleibt die wirtschaftliche Nutzung dieser Ressource begrenzt.
Die Gründe dafür liegen vor allem in der technischen Komplexität und den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Viele bestehende Lösungen zur Wärmerückgewinnung sind standortgebunden, benötigen spezifische Temperaturprofile oder lassen sich nur begrenzt in bestehende Industrieprozesse integrieren.
Vor diesem Hintergrund entstehen neue technologische Ansätze, die versuchen, diese Lücke zu schließen und industrielle Abwärme als eigenständige Energiequelle nutzbar zu machen.
Energy Towers AG: Ein technischer Ansatz zur Stromgewinnung aus Wärme
Die Energy Towers AG entwickelt ein System, das industrielle Abwärme im Temperaturbereich von etwa 130 bis 180 Grad Celsius nutzen soll, um daraus elektrische Energie zu erzeugen.
„Die Energy-Towers-Technologie nutzt industrielle Abwärme im Bereich von 130 bis 180 Grad Celsius als Energiequelle, um daraus CO₂-freien Strom zu erzeugen“, erklärt das Unternehmen.
Das Grundprinzip basiert darauf, thermische Energie in einen technischen Prozess einzubinden, der zunächst mechanische Bewegung erzeugt. Diese Bewegung wird anschließend über Generatoren in elektrische Energie umgewandelt.
Im Unterschied zu klassischen Wärmerückgewinnungssystemen, die häufig auf Dampfturbinen oder organischen Rankine-Prozessen basieren, verfolgt der Ansatz eine andere physikalische Umsetzung. Ziel ist es, Energieflüsse direkt an den industriellen Standort zu koppeln und dabei eine möglichst kontinuierliche Stromproduktion zu ermöglichen.
Das physikalische Prinzip des hydrostatischen Auftriebs
Ein zentrales Element des Systems ist der hydrostatische Auftrieb. Dieses physikalische Prinzip beschreibt die Kraft, die auf einen Körper in einer Flüssigkeit wirkt und ihn nach oben bewegt.
In der technischen Umsetzung der Energy Towers AG wird dieser Effekt kontrolliert genutzt, um mechanische Bewegung zu erzeugen. Diese Bewegung bildet anschließend die Grundlage für die Stromproduktion.
„Der hydrostatische Auftrieb ist ein zentraler Bestandteil unseres technischen Konzepts“, so das Unternehmen. „Wir nutzen ein kontrolliertes Auftriebsprinzip, um mechanische Bewegung zu erzeugen, die anschließend in elektrische Energie umgewandelt wird.“
Der Ansatz beruht dabei nicht auf neuen physikalischen Grundlagen, sondern auf der Kombination und industriellen Anwendung bekannter Prinzipien. Entscheidend ist die Systemintegration verschiedener Komponenten in einem geschlossenen Kreislauf.
Aus ingenieurwissenschaftlicher Sicht liegt die Herausforderung weniger im physikalischen Prinzip selbst, sondern in der Effizienz der Umsetzung, der Skalierbarkeit und der Stabilität des Prozesses im industriellen Dauerbetrieb.
Industrielle Abwärme als strategische Energiequelle
Die Nutzung industrieller Abwärme wird in der europäischen Energiepolitik zunehmend als relevanter Bestandteil der Dekarbonisierungsstrategie betrachtet. Besonders im Rahmen des European Green Deal und nationaler Energieeffizienzprogramme spielt die Frage eine zentrale Rolle, wie bestehende Energieverluste reduziert werden können.
Energy Towers argumentiert, dass genau hier ein strukturelles Potenzial liegt: Abwärme ist bereits vorhanden, sie muss nicht zusätzlich erzeugt werden.
„In nahezu allen energieintensiven Industrien entsteht Abwärme“, so das Unternehmen. „Ein erheblicher Teil wird bisher nicht verwertet, weil bestehende Lösungen häufig standortabhängig oder wirtschaftlich schwer skalierbar sind.“
Der entscheidende Unterschied zu klassischen Energiequellen liegt im Systemcharakter: Während Strom aus Wind und Sonne wetterabhängig ist, entsteht industrielle Abwärme kontinuierlich als Nebenprodukt bestehender Produktionsprozesse.
Damit könnte sich langfristig eine Form der grundlastnahen Energiequelle entwickeln, die direkt in industrielle Standorte integriert ist.
Technologischer Vergleich: Einordnung in bestehende Lösungen
Technologisch bewegt sich der Ansatz im Umfeld bereits etablierter Verfahren der Abwärmenutzung. Dazu zählen insbesondere ORC-Systeme (Organic Rankine Cycle), Dampfturbinenlösungen sowie verschiedene Wärmetauschertechnologien.
Diese Systeme werden bereits in der Industrie eingesetzt, stoßen jedoch häufig an Grenzen in Bezug auf Effizienz bei niedrigeren Temperaturbereichen, Investitionskosten und Komplexität der Integration.
Im Vergleich dazu verfolgt Energy Towers einen modularen Ansatz, der eine flexiblere Skalierung ermöglichen soll. Systeme sollen an unterschiedliche Standorte und Energieanforderungen angepasst werden können.
Ein weiterer Unterschied liegt in der angestrebten direkten Kopplung von Wärmequelle und Stromerzeugung am selben Standort. Dadurch könnten Transportverluste vermieden und bestehende industrielle Infrastruktur besser genutzt werden.
Ob dieser Ansatz im industriellen Maßstab wirtschaftlich konkurrenzfähig ist, hängt maßgeblich von der technischen Effizienz und den Investitionskosten pro erzeugter Kilowattstunde ab.
Zielindustrien: Fokus auf energieintensive Sektoren
Die potenziellen Anwendungsfelder der Technologie liegen vor allem in Branchen mit kontinuierlich anfallender Abwärme und hohem Energiebedarf.
Dazu zählen insbesondere:
- Stahlindustrie
- Zementproduktion
- Chemische Industrie
- Glas- und Keramikproduktion
- Papierindustrie
- Raffinerien und Kraftwerksstandorte
- Müllverbrennungsanlagen
- sowie perspektivisch Rechenzentren
Gerade in diesen Bereichen entstehen große Mengen an thermischer Energie, die bisher nur teilweise genutzt werden kann.
„Grundsätzlich ist die Technologie überall dort interessant, wo dauerhaft nutzbare Abwärme entsteht und gleichzeitig ein hoher Strombedarf besteht“, so die Einschätzung des Unternehmens.

Wissenschaftliche Einordnung durch das KIT
Die technische Entwicklung wurde unter anderem durch Untersuchungen am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) begleitet.
Im Fokus standen dabei die physikalische Plausibilität des Auftriebsprinzips, die technische Umsetzbarkeit einzelner Systemkomponenten sowie die energetische Bewertung des Gesamtkonzepts.
Solche wissenschaftlichen Begleitungen sind insbesondere bei neuen Energiekonzepten von Bedeutung, da sie dazu beitragen, theoretische Annahmen frühzeitig zu validieren und technische Risiken zu identifizieren.
Gleichzeitig bilden sie eine Grundlage für die Weiterentwicklung hin zu Prototypen und späteren Pilotanlagen im industriellen Maßstab.
Wirtschaftliche Perspektive und Skalierungslogik bis 2030
Energy Towers verfolgt einen schrittweisen Entwicklungsansatz. Im ersten Schritt steht die technische Validierung im Vordergrund. Danach sollen Prototypen entwickelt und erste Referenzprojekte umgesetzt werden.
Bis 2030 plant das Unternehmen, die Grundlage für eine internationale Skalierung zu schaffen und erste kommerzielle Anwendungen in industriellen Zielmärkten zu realisieren.
„Unser Ziel ist es, die Technologie vom Prototypen in die industrielle Anwendung zu überführen“, so das Unternehmen. „Dabei verfolgen wir einen skalierbaren Ansatz mit ersten Projekten und wachsender installierter Leistung.“
Die zentrale Herausforderung liegt dabei in der Überführung eines physikalischen Konzepts in ein wirtschaftlich tragfähiges industrielles Produkt. Neben der technischen Funktionalität spielen insbesondere Investitionskosten, Wartungsaufwand und Energieeffizienz eine entscheidende Rolle.
Bedeutung eines möglichen Börsengangs
Ein geplanter Börsengang wird von Energy Towers als strategisches Instrument betrachtet, um die weitere Entwicklung zu finanzieren und die Marktposition zu stärken.
Die Entwicklung neuer Energietechnologien erfordert erhebliche Investitionen in Forschung, Pilotprojekte und industrielle Skalierung. Kapitalmarktzugang kann dabei eine Möglichkeit darstellen, diese Finanzierung breiter aufzustellen.
Gleichzeitig erhöht ein Börsengang die Transparenz gegenüber Investoren und potenziellen Industriepartnern. Er kann zudem die internationale Sichtbarkeit des Unternehmens steigern.
„Ein Börsengang kann helfen, die Finanzierung der weiteren Entwicklung und des internationalen Ausbaus breiter aufzustellen“, so die Einschätzung des Unternehmens. „Zugleich erhöht er die Sichtbarkeit und stärkt das Vertrauen im Markt.“
Einordnung im europäischen Energiesystem
Die europäische Industrie steht derzeit unter erheblichem Transformationsdruck. Steigende Energiepreise, regulatorische Anforderungen im Rahmen der Klimapolitik sowie der Wettbewerb um energieeffiziente Produktionsstandorte prägen die Diskussion.
Technologien zur Nutzung industrieller Abwärme werden dabei zunehmend als Baustein einer effizienteren Energiearchitektur betrachtet. Dennoch bleibt ihre breite industrielle Umsetzung bislang begrenzt.
Ein wesentlicher Faktor ist die wirtschaftliche Skalierbarkeit. Viele Projekte bleiben im Pilotstadium oder werden nur in spezifischen Industrieumgebungen umgesetzt.
In diesem Kontext versuchen neue technologische Ansätze, eine Brücke zwischen Forschung, Energieeffizienz und industrieller Stromproduktion zu schlagen.
Herausforderungen und offene Fragen
Trotz des technologischen Potenzials bleiben zentrale Fragen offen. Dazu zählen insbesondere die tatsächliche Energieeffizienz im industriellen Dauerbetrieb, die Investitionskosten pro Anlage sowie die Integration in bestehende Produktionsprozesse.
Hinzu kommt die Frage der industriellen Akzeptanz. Neue Energieinfrastrukturen müssen sich nicht nur technisch bewähren, sondern auch in bestehende Produktionsketten einfügen.
Auch regulatorische Rahmenbedingungen könnten eine Rolle spielen, insbesondere im Hinblick auf Förderprogramme, CO₂-Bepreisung und Energieeffizienzrichtlinien innerhalb der EU.
Die Nutzung industrieller Abwärme gilt als eines der vielversprechenden Felder der Energiewende, bleibt jedoch technisch und wirtschaftlich anspruchsvoll.
Energy Towers positioniert sich mit einem Ansatz, der physikalische Prinzipien in ein modulares industrielles System überführt und damit neue Möglichkeiten der Stromerzeugung eröffnen soll.
Ob sich diese Technologie im industriellen Maßstab durchsetzen kann, wird in den kommenden Jahren von der erfolgreichen Umsetzung der Pilotprojekte, der wirtschaftlichen Skalierbarkeit und der industriellen Integration abhängen.
Fest steht jedoch: Die Frage, wie ungenutzte Energie in industriellen Prozessen künftig besser verwertet werden kann, wird in der europäischen Energiepolitik weiter an Bedeutung gewinnen.
Mehr über die Energy Towers-Technologie und die Stromerzeugung aus industrieller Abwärme erfahren Sie im vollständigen Originalbeitrag hier.